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Femmes & Sciences und das CNRS haben „La Science Taille XXElles“ ins Leben gerufen – mehrere Ausstellungen mit Porträts von Wissenschaftlerinnen, um deren Sichtbarkeit zu stärken und jungen Mädchen weibliche Vorbilder aufzuzeigen. Anlässlich der Ausweitung der Ausstellung nach Deutschland werden Auszüge der Ausstellung präsentiert. Entdecken Sie alle Porträts in der Französischen Botschaft in Deutschland bis zum 15. März 2026 sowie im Institut Français München vom 18. März bis zum 10. April 2026!

[Porträt 6 – Stéphanie Dord-Crouslé, Flaubert-Expertin]

Um das Porträt auf Französisch zu lesen: https://www.femmesetsciences.fr/la-science-taille-xx-elles/st%C3%A9phanie-dord-crousl%C3%A9

Stéphanie Dord-Crouslé ist CNRS-Forscherin am Institut d’histoire des représentations et des idées dans les modernités (ENS Lyon, Lyon 2, Lyon 3, UJM, UCA, CNRS). Nach dem Besuch der geisteswissenschaftlich ausgelegten Classes préparatoires Hypokhâgne und Khâgne wurde sie an der École normale supérieure in der Rue d’Ulm aufgenommen. Sie bestand erfolgreich die Agrégation de lettres modernes und begann anschließend eine Promotion in französischer Literaturwissenschaft. Sie freut sich, nun als CNRS-Forscherin ihre Arbeiten zu Flaubert und zur französischen Literatur des 19. Jahrhunderts im Allgemeinen weiterführen zu können.

„Das Besondere an der Literaturwissenschaft ist“, sagt Dord-Crouslé, „dass man in Physik oder Wirtschaftswissenschaften als Forschender einen Nobelpreis erhalten kann – in der Literatur geht dieser jedoch nicht an die Forschenden, sondern an den Gegenstand ihrer Forschung: den Schriftsteller! Einige Kolleg*innen sind beides in einem. Ich selbst schreibe nicht kreativ – nur in Form von wissenschaftlichen Texten. Mich interessiert es, die Werke anderer zu analysieren.“ Während andere für Madame Bovary schwärmten, entdeckte Stéphanie Dord-Crouslé ihren „Flaubertismus“ beim Lesen von L’Éducation sentimentale (Lehrjahre der Männlichkeit. Geschichte einer Jugend) – ein unvergessliches Erlebnis. Ihre wichtigste Arbeit im Bereich der Manuskripte von Gustave Flaubert widmete sie jedoch Bouvard et Pécuchet, dem letzten unvollendeten und posthum erschienenen Roman des großen Autors. „Flaubert starb buchstäblich beim Schreiben dieses Romans. Er plante einen zweiten Band, für den er bereits Material gesammelt und Handlungselemente skizziert hatte.”

Fast anderthalb Jahrhunderte später ermöglichen es die Digital Humanities, virtuelle „Fortsetzungen” des unvollendeten Romans zu erstellen: Durch die Online-Veröffentlichung und digitale Kodierung der Manuskripte des Schriftstellers kann heute jede*r Internetnutzer*in die Textfragmente, aus denen sie bestehen, einsehen und neu kombinieren, um verschiedene möglichen Abfolgen zu erproben. „So kann man nicht nur einen zweiten, sondern mehrere mögliche zweite Bände zusammenstellen – das, was Flaubert hätte schreiben können, wenn er nicht gestorben wäre.“

Im Bereich der Digital Humanities lassen sich digitale Tools flexibel und vielseitig für die Literaturanalyse einsetzen. „Früher konnten Bücher gedruckt werden, die eine mutmaßliche Rekonstruktion des zweiten Bandes von Bouvard und Pécuchet enthielten. Die Digitalisierung ermöglicht es, nichts definitiv festzulegen, ständig neue Versionen zu entwerfen und verschiedene Anordnungen auszuprobieren. Wenn ich zwischen einem Stift und einem Computer wählen müsste, würde ich mich ganz klar für den Computer entscheiden!“

Stéphanie Dord-Crouslé arbeitet zeitweise im Team, meist jedoch allein. „Das Bouvard-Projekt hat über Jahre hinweg ein internationales Team zusammengebracht, aber im Alltag sitze ich allein an meinem Schreibtisch. Das ist keine Laborarbeit, sondern eher die eines digitalen Bücherwurms.“ Was die Gleichstellung angeht: In diesem Fachgebiet sind Frauen recht gut vertreten.

Ihr Fachbereich in wenigen Worten:

Als Flaubert-Expertin analysiert Stéphanie Dord-Crouslé die Entstehungsgeschichte seiner Werke und arbeitet an deren Veröffentlichung in gedruckter und digitaler Form. Sie leitet insbesondere die Website Les dossiers documentaires de Bouvard et Pécuchet, die Flauberts Vorarbeiten zu seinem letzten Roman, die heute verstreut sind, virtuell zusammenführt. Neben einer strukturierten Edition dieser Entwürfe bietet die Website auch ein Tool zur Erstellung möglicher „zweiter Bände” dieser posthumen und unvollendeten „kritischen Enzyklopädie in Gestalt einer Farce”.

 

Bildnachweis: Vincent Moncorgé

Übersetzungsnachweis: Übersetzer der Französischen Botschaft in Deutschland, Robert Balcke, Philippe Barbier, Hannah Hahn, Gilles Kirschke-Dréan, Jana Ulbricht.

Redaktion: SST, Noela Müller
Aktualisierung: 04/03/2026